Als Vorsitzender des Senats ist Helmut Fuchs einer der Gastgeber des "Universität Wien Forums". Das Juridicum Journal sprach mit ihm über die Probleme einer Universität mit 80.000 Studenten.
Als Vorsitzender des Senats stehen Sie in ständigem Kontakt mit dem Rektor. Worum geht es momentan bei diesen Gesprächen?
Derzeit steht die durch die aktuelle Protestbewegung ausgelöste Situation im Vordergrund. Der Senat ist sehr an einer Verbesserung der Studienbedingungen und der Betreuungsverhältnisse interessiert, und so geht es um Überlegungen, auf die Bildungspolitik einzuwirken, damit es zu einer ausreichenden Finanzierung der Studienplätze an den öffentlichen Universitäten kommt.
Es finden auch laufend Treffen mit den Studierenden des Plenums und anderen Universitätsangehörigen statt. Was erwarten Sie sich von diesen Treffen?
Hier müssen die Probleme analysiert und die erhobenen Forderungen und die geäußerte Kritik konkretisiert werden. Man kann keine Verbesserungen herbeiführen, wenn alles nur allgemein und abstrakt erörtert wird. Die Forderungen der Studierenden enthalten eine Reihe von sehr ernstzunehmenden Hinweisen. Das betrifft zum einen die Curricula, Stichwort Bildung/Ausbildung und unnötige Voraussetzungsketten. Da ist der Senat dazu aufgerufen, die bestehenden Studienpläne konkret zu überprüfen. Die Umstellung auf die Bakkalaureatsstudien ging sehr rasch vor sich, und es ist durchaus denkbar, dass auf das Drängen einzelner Fachvertreter hin allzu viel in ein Curriculum hineinverpackt worden ist. Freilich darf es bei einer Revision nicht zu einer Senkung der Qualität des Studiums kommen. Aber was an unnötigen Erschwernissen und Verschulungen in die Curricula aufgenommen wurde, das sollte überprüft werden.
Ein anderer Bereich, zu dem immer wieder Kritik geäußert wird, betrifft die Verwaltung, insbesondere das Anmeldesystem für Lehrveranstaltungen, i3v und UNIVIS, die Hörsaalvergabe und ähnliches. Hier sollte man sich auch um Verbesserungen bemühen, obwohl klar sein muss, dass dies an einer großen Universität mit 80.000 Studierenden sehr schwer erreichbar ist. Den Mangel zu verwalten ist naturgemäß viel schwieriger als in einem Überfluss zu leben.
Dann gibt es Probleme, die die Universitäten nicht selbst lösen können, nämlich vor allem die finanzielle Unterdotierung. Mit den Mitteln, die wir zur Verfügung gestellt bekommen, ergibt sich eine gewisse Kapazität an Studienplätzen. Und diese Zahl an möglichen Studienplätzen ist endlich. Man kann nicht ewig noch mehr Studierende in die überfüllten Hörsäle hineinstopfen oder einfach das Personal mit zusätzlicher Prüfungskapazität belasten. Eine Lösung des Studienproblems ist das nicht, dadurch muss zwangsläufig die Betreuung leiden. Das wirkt sich insgesamt auch auf die Atmosphäre im Studienbetrieb negativ aus: Wenn eine immer größere Zahl von Studierenden mit individuellen Wünschen und Fragen zu einem Lehrveranstaltungsleiter kommt, dann neigt dieser auf die Dauer zum Abblocken, weil er diese Menge einfach nicht mehr sinnvoll bewältigen kann. Da braucht es eine Entscheidung der Politik, Geldmittel für Personal, Räume und Sachmittel entsprechend den Studienplätzen zur Verfügung zu stellen, die die Universitäten anbieten müssen.
Ist das die angesprochene Bildungsmilliarde?
Natürlich geht es auch ums Geld. Realistisch betrachtet wird es allerdings in der nächsten Zeit schwierig sein, zusätzliches Geld für Bildung zu bekommen. Richtigerweise müsste man freilich gerade in wirtschaftlich harten Zeiten in Bildung investieren, da dies eine Investition für die Zukunft ist. Aber diesbezüglich muss viel politische Überzeugungsarbeit geleistet werden.
Minister Hahn wird demnächst aus seinem Amt ausscheiden, die Politik sucht nach einem Nachfolger. Haben sie Wunschvorstellungen über die Person seines Nachfolgers?
Es müsste jemand sein, der in der politischen Szene gut verankert ist, damit er seinen Einfluss für bildungspolitische Ziele geltend machen kann. Ein Bildungsminister kann nur unter diesen Voraussetzungen bei Budgetverhandlungen stark auftreten. Das ist eine Position, die die Universität als solche nicht hat. Aber ein Politiker, der die Anliegen der Bildung und der Universitäten zu seinen macht und politisch gut integriert ist, könnte viel erreichen.
Sie haben die hohen Studierendenzahlen angesprochen. Der Senat hat in der Frage der Zugangsbeschränkungen ein Mitspracherecht. Wie stehen Sie dazu?
Was in diesem Zusammenhang immer wieder diskutiert wird, ist die Gestaltung der Studieneingangsphasen. Diese sind keine Zugangsbeschränkungen, und der Senat wird sie auch nicht so sehen. Aber ich glaube, das erste Semester oder das erste Jahr des Studiums sollten eine Ausnahme bilden vom Grundsatz der freien Gestaltung. Wenn wir alle Studierenden, die eine Studienrichtung beginnen wollen, auch aufnehmen, dann müssen wir ihnen am Anfang ein striktes Programm bieten und schauen, wie weit sie bereit und in der Lage sind, sich ernsthaft mit dem gewählten Studium zu beschäftigen.
Die Studieneingangsphase sollte daher im Verhältnis zu den späteren Teilen des Studiums strikter gestaltet sein und mit klaren Prüfungen abschließen, die grundsätzlich Voraussetzung für das weitere Studium sind, in dem dann mehr Freiheit eröffnet wird. Das würde zu einer gewissen Einschränkung der Studierendenzahlen führen, weil sich einfach durch die Notwendigkeit zur intensiven Befassung mit dem gewählten Fach zeigt, ob das Fach wirklich die richtige Wahl war.
Aus dem Audimax kommt auch der Ruf nach einer stärkeren Demokratisierung der Universitäten. Sehen Sie hier die Politik am Zug oder kann es universitätsintern Maßnahmen geben?
Die Entscheidung muss die Politik treffen. Wenn ich Funktionär der Universität bin, dann kann ich nur innerhalb des gesetzlichen Rahmens agieren. Ich muss auch die wertungsmäßigen Entscheidungen des Gesetzgebers akzeptieren. Die Demokratie findet an der Universität ihre Grenzen in der Verantwortung. Ich halte es nicht für richtig, Professoren aus der Verantwortung zu entlassen, indem man alle Entscheidungen demokratischen Gremien überträgt, in denen die Professoren in der Minderheit sind. Für die Gestaltung der Studienpläne und für die Qualität des Studiums und natürlich auch für die Forschung tragen primär die Habilitierten des Faches die Verantwortung. Insofern gibt es eine Grenze für Demokratie an der Universität.
Wenn Demokratie in Mitbeteiligung, in ernsten Gesprächen besteht, bin ich für eine Ausweitung im Rahmen der Autonomie. Ein Gespräch abzuschneiden mit dem Hinweis, dass die Mehrheitsverhältnisse ohnedies klar seien, wäre etwas, das völlig gegen den Geist der Universität verstößt, das darf man nicht machen.
Bezüglich des Mittelbaus: Die Forderungen der Studenten im Audimax gehen hier auf Probleme ein wie zB die Dienstverhältnisse der Assistenten, ebenso auf die Verträge mit Dozenten. Ist das auch eine Frage des Geldes oder ist die Gestaltung der Dienstverhältnisse für sie sachlich gerechtfertigt?
Da muss man zwischen zwei Gruppen unterscheiden. Das eine sind die Lektoren. Wir haben das ja auch an unserer Fakultät, aber mit nebenberuflich Tätigen, um Praktiker in die Universität einzubeziehen. Es ist aber richtig, dass in anderen Studienrichtungen ein großer Teil der Lehre über Lektoren getätigt wird. Das gewährleistet zwar Flexibilität, bringt aber für die Betroffenen auch Unsicherheit und Ungerechtigkeiten. Wenn man alle Lehrenden in ein fixes Dienstverhältnis aufnimmt, und dann sinkt die Zahl der Studierenden, dann hat man Überkapazitäten, die nicht leicht abzubauen sind. Mag sein, dass damit Betreuungsverhältnisse besonders gut wären, aber dafür wären sie in anderen Bereichen, in denen es einen Zuwachs an Studierenden gibt, umso schlechter. Es sollten deshalb nur Lektoren beschäftigt werden, die ein zweites berufliches Standbein haben, also in Unternehmen, im Öffentlichen Dienst usw tätig sind. Das ist zu einem Teil aber derzeit nicht der Fall, eine Lösung wird sich schwer finden lassen, wenn man die Flexibilität wahren will.
Das zweite ist die Frage des wissenschaftlichen Nachwuchses, der Assistenten. Befristete Dienstverhältnisse hat es immer schon gegeben. Und es muss klar sein, dass nicht jede und jeder in ein unbefristetes Dienstverhältnis übernommen werden kann, mag sie oder er sich noch so gerne der Wissenschaft widmen wollen. Man muss das den Betroffenen aber rechtzeitig sagen, nämlich in einem Zeitpunkt, in dem ihre Universitätstätigkeit für die außeruniversitäre Tätigkeit noch einen beruflichen Vorteil bringt. Wenn jemand vier Jahre nach dem Studium an der Universität arbeitet, eine Dissertation macht und dann in die Praxis geht, dann profitiert er von seiner Zeit an der Universität. Wenn man aber jemanden bis zum 40. Lebensjahr immer wieder befristet an der Universität beschäftigt, ihn dabei vielleicht geradezu ausbeutet und ihm dann sagt, nun könne er gehen, dann sieht das ganz anders aus. Richtig gemacht, scheinen mir befristete Dienstverhältnisse sinnvoll. Wenn sie aber auf ein Ausnützen von Menschen hinauslaufen, sind sie abzulehnen.
Im Audimax wird auch über Frauenförderung und -quoten diskutiert. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Ich glaube, dass sich auf diesem Gebiet schon sehr viel geändert hat und sich weiterhin viel ändert. Es ist eine Frage der Zeit, weil eine Universität sich nicht von heute auf morgen erneuern kann. In der letzten Zeit wurden aber auch in Fächern wie zB in Chemie mehrere Frauen als Professorinnen berufen, weil es jetzt immer mehr Frauen gibt, die in das richtige Karrierestadium als Professorinnen kommen. Das Ganze ist aber vor allem ein gesellschaftliches Problem. Man muss es durch großzügige staatliche Unterstützung bei der Kinderbetreuung usw ermöglichen, dass Familie, Kinder und eine anspruchsvolle wissenschaftliche Karriere vereinbart werden können.
Also halten sie Quoten für nicht zielführend oder notwendig?
Quoten für sich allein, davon halte ich eigentlich nichts. In der Übergangszeit kann sich eine Quote sogar negativ auswirken, wenn man zB immer wieder an die wenigen Professorinnen der Fakultät herantritt und sie beispielsweise bittet, in Kommissionen zu gehen, weil die Quote erfüllt werden muß. Ich habe da schon verschiedenste ablehnende Antworten bekommen. Ich verstehe das, denn man hält die Betreffenden dadurch von der anderen Arbeit ab und schadet ihrer Karriere. Man muss das also mit Vorsicht machen. Eine Quote mag vorübergehend ein gutes Signal sein, wenn sie nicht ausnahmslos angewendet wird, aber im Grunde muss man dafür sorgen, dass Quoten nicht notwendig sind, sondern sich ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis von selbst ergibt.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Das Gespräch führte Brian-Christopher Schmidt)